Technik

E-Bike bergauf: Was die Steigung wirklich an Leistung kostet

Am Berg zeigt sich, was ein E-Bike wirklich kann. Die Steigung frisst Leistung in einer Größenordnung, die auf der Ebene nie zusammenkommt, und der Motor allein trägt sie nicht. Wie viel Watt eine Rampe tatsächlich verlangt, warum der Gang wichtiger ist als die Unterstützungsstufe und wie Du am Hang sicher anfährst, steht hier mit Zahlen zum Nachrechnen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Berg dominiert alles: Bei 8 % Steigung und 15 km/h braucht ein 100-kg-Gespann rund 383 Watt, davon allein 326 Watt für den Höhengewinn. Roll- und Luftwiderstand machen zusammen nur etwa 57 Watt aus.
  • Der Motor deckt einen Teil: Pedelec-Motoren haben 250 Watt Nenndauerleistung. Den Rest trittst Du selbst, deshalb wird jede Steigung ab etwa 6 % auch mit Unterstützung spürbar.
  • Das Drehmoment entscheidet über das Anfahrgefühl am Hang. Typische Werte reichen von 40 Nm beim Nabenmotor bis 85 Nm bei kräftigen Mittelmotoren.
  • Erst schalten, dann treten: Ein leichter Gang mit hoher Trittfrequenz bringt am Berg mehr als die höchste Unterstützungsstufe im schweren Gang.
  • Gewicht zählt doppelt: 15 Kilogramm mehr auf derselben 8-Prozent-Rampe kosten rund 54 Watt zusätzlich.

Was eine Steigung wirklich kostet

Am Berg arbeitet die Physik gegen Dich, und zwar in einer sehr einfachen Form: Um Masse gegen die Schwerkraft anzuheben, brauchst Du Leistung, die proportional zu Gewicht, Steigung und Geschwindigkeit wächst. Roll- und Luftwiderstand bleiben dagegen fast konstant. Ab etwa 4 % Steigung übernimmt der Höhengewinn deshalb die Hauptrolle.

Die folgende Tabelle rechnet ein realistisches Alltagsszenario durch: 100 kg Gesamtgewicht aus Fahrer, E-Bike und Gepäck, konstante 15 km/h, ein Rollwiderstandsbeiwert von 0,008 für Straßenreifen und eine Luftwiderstandsfläche von 0,55 m² für eine aufrechte Sitzposition.

SteigungHöhengewinnRollenLuftGesamtFahreranteil bei 250 W Motor
2 %82 W33 W24 W139 W0 W
4 %163 W33 W24 W220 W0 W
6 %245 W33 W24 W302 W52 W
8 %326 W33 W24 W383 W133 W
10 %407 W33 W24 W464 W214 W
12 %487 W32 W24 W543 W293 W
15 %606 W32 W24 W662 W412 W
Leistungsbedarf bei 15 km/h und 100 kg Systemgewicht. Der Fahreranteil ist eine grobe Rechnung, weil Motoren kurzzeitig über ihrer Nenndauerleistung arbeiten.

Aus der letzten Spalte wird der Alltag verständlich. Bis etwa 4 % rollt ein E-Bike praktisch von selbst den Berg hoch. Ab 6 % beginnt echte Eigenleistung, ab 10 % liegst Du in einem Bereich, den ungeübte Fahrer nur kurz halten. Zum Vergleich: Ein durchschnittlich trainierter Freizeitradler bringt über längere Zeit etwa 100 bis 150 Watt auf die Pedale.

Gestapeltes Balkendiagramm des Leistungsbedarfs bei 15 km/h und 100 Kilogramm Systemgewicht für Steigungen von 2 bis 15 Prozent, aufgeteilt in die Anteile Höhengewinn, Rollwiderstand und Luftwiderstand, mit einer waagerechten Linie bei 250 Watt für die Nenndauerleistung eines Pedelec-Motors
Ab etwa 6 % Steigung reicht die Nenndauerleistung des Motors rechnerisch nicht mehr aus, und der Rest kommt aus den Beinen.

Warum das Drehmoment am Berg zählt

Die Nennleistung ist bei allen Pedelecs auf 250 Watt festgelegt und taugt deshalb nicht zum Unterscheiden. Der Unterschied zwischen einem zähen und einem spritzigen Berganstieg steckt im maximalen Drehmoment, weil es die Kraft beschreibt, die der Motor an der Kurbel zusätzlich aufbringt. Genau darauf kommt es an, wenn die Trittfrequenz am steilen Stück einbricht.

AntriebMax. DrehmomentVerhalten am Berg
MAHLE X35 (Nabenmotor)40 Nmruhig und leise, an langen Steilstücken braucht es klar mehr Eigenleistung
Yamaha PW-ST70 NmReserve für Steigungen und Gepäck, angenehm im Trekking-Einsatz
Shimano EP885 Nmkräftiger Antritt am Hang, gut abstimmbar über die Profile
Bosch Performance Line CX85 Nm (CX-R 100 Nm)der Maßstab für steile Rampen und Lastentransport
Werte nach Herstellerangabe. Der Nabenmotor arbeitet ohne Schaltungsübersetzung und verliert deshalb am steilen Berg früher an Wirkung.

Ein Detail dahinter erklärt viel: Ein Mittelmotor wirkt auf die Kurbel und damit durch die Schaltung hindurch. Schaltest Du in einen leichteren Gang, verstärkt die Übersetzung auch die Motorkraft am Hinterrad. Ein Nabenmotor sitzt hinter der Schaltung und bekommt von dieser Übersetzung nichts mit. Deshalb fühlen sich 40 Nm im Nabenmotor am Berg schwächer an, als die Zahl vermuten lässt. Die Unterschiede beider Bauarten stehen ausführlich im Vergleich E-Bike mit Mittelmotor.

Der richtige Gang schlägt die höchste Stufe

Der häufigste Fehler am Berg ist die Reihenfolge: erst die Unterstützung hochdrehen, dann irgendwann schalten. Besser läuft es umgekehrt. Schalte früh in einen leichten Gang, halte eine Trittfrequenz von etwa 70 bis 80 Umdrehungen pro Minute und lass den Motor in diesem Bereich arbeiten. Mittelmotoren geben ihre Kraft dort am wirkungsvollsten ab, und Deine Beine ermüden langsamer.

  • Vor der Rampe schalten, nicht darin. Unter voller Last wechselt eine Kettenschaltung schwer, und die Kette verschleißt schneller. Nimm den leichteren Gang, solange die Steigung noch flach ist.
  • Beim Schalten kurz den Druck rausnehmen. Ein Moment ohne Krafteinsatz genügt, damit die Kette sauber überspringt. Systeme mit Schaltunterstützung erledigen das inzwischen selbst.
  • Nabenschaltungen schalten im Stand. Das ist am Berg ein echter Vorteil, weil Du auch nach einem ungeplanten Halt wieder in den passenden Gang kommst. Stufenlose Systeme wie die Enviolo-Nabenschaltung lassen sich am Hang sogar unter Last verstellen.
  • Die höchste Unterstützungsstufe kostet Reichweite. Sie hebt das Drehmoment, ersetzt aber keinen passenden Gang. Am langen Anstieg ist die mittlere Stufe im leichten Gang meist der bessere Kompromiss.

Am Hang anfahren, ohne zu wackeln

Das Anfahren an der Steigung ist die Situation, in der sich E-Bikes von normalen Rädern am deutlichsten unterscheiden. Der Motor setzt mit Verzögerung ein und schiebt dann kräftig an, während das Rad mit über 20 Kilogramm unter Dir steht. Diese Reihenfolge macht es sicher:

  1. Bremse halten, während Du das Startpedal auf etwa zwei Uhr stellst. So hast Du den vollen Hebel für den ersten Tritt.
  2. Unterstützungsstufe prüfen. Eine niedrige Stufe verhindert, dass das Rad beim ersten Tritt vorschießt. In der höchsten Stufe am Steilhang anzufahren, kostet Kontrolle.
  3. Erst treten, dann die Bremse lösen. Der Motor braucht ein Signal vom Drehmomentsensor. Wer die Bremse zuerst löst, rollt kurz rückwärts.
  4. Blick nach vorn und den Oberkörper leicht über den Lenker bringen. An steilen Rampen entlastet das Vorderrad sonst und lenkt unruhig.

Klappt das Anfahren gar nicht, hilft die Schiebehilfe. Sie unterstützt beim Schieben bis maximal 6 km/h und ist genau dafür gedacht, ein schweres Rad am Berg oder in der Tiefgarage zu bewegen. Wie sie bei den einzelnen Systemen aktiviert wird, steht im Ratgeber zur Bosch-Schiebehilfe. Ein verwandtes Thema ist die Anfahrhilfe, die den ersten Meter im Sitzen erleichtert.

Was der Berg mit der Reichweite macht

Der Zusammenhang lässt sich direkt aus der Leistungstabelle ableiten. Wer auf der Ebene mit 130 Watt Motorleistung fährt und am Berg 250 Watt abruft, verbraucht in derselben Zeit fast das Doppelte. Bei 500 Wh Akkukapazität bedeutet das rechnerisch: rund 3,8 Stunden Fahrt auf der Ebene gegenüber 2 Stunden am Dauerhang, jeweils ohne Berücksichtigung von Wirkungsgradverlusten.

In Kilometern gerechnet wirkt der Effekt noch drastischer, weil Du am Berg zusätzlich langsamer unterwegs bist. Eine Tour mit 800 Höhenmetern kann darum genauso viel Akku kosten wie die dreifache Strecke im Flachen. Der Reichweiten-Rechner berücksichtigt das Profil und liefert eine realistischere Schätzung als die Herstellerangabe.

Ein Trost bleibt: Bergab lädt kein nennenswerter Strom zurück. Rekuperation gibt es nur bei wenigen Systemen und liefert selbst dort geringe Mengen, wie der Beitrag zur E-Bike-Rekuperation zeigt. Die Abfahrt spart Akku vor allem dadurch, dass der Motor pausiert.

Wenn die Unterstützung am Berg nachlässt

An langen Anstiegen im Sommer melden manche Systeme eine schwächere Unterstützung, und dahinter steckt meistens Wärme. Shimano beschreibt in der Warnungsliste den Code W010 für den Fall, dass „die Temperatur der Antriebseinheit höher als beim normalen Betrieb“ ist, mit der Folge, dass „die Tretunterstützung geringer als normal“ ausfällt. Auch der Akku hat einen Temperaturbereich, außerhalb dessen er die Abgabe drosselt.

Drei Punkte helfen dagegen. Fahre lange Steigungen in einer mittleren Unterstützungsstufe statt in der höchsten, dann bleibt die Dauerlast geringer. Halte den Akku im Sommer vor der Tour aus der prallen Sonne, wie es der Ratgeber zum E-Bike-Akku im Sommer beschreibt. Und plane an heißen Tagen kurze Pausen ein, in denen Motor und Akku abkühlen.

Bleibt die Unterstützung dagegen unabhängig von der Temperatur aus oder setzt ruckartig aus, lohnt der Blick auf den Geschwindigkeitssensor. Ein fehlerhaftes Signal begrenzt die Unterstützung ebenfalls, bei Shimano etwa über die Warnung W011.

Gewicht: der unterschätzte Faktor

Auf der Ebene spielt das Gesamtgewicht eine kleine Rolle, am Berg geht es direkt in die Rechnung ein. Dieselbe 8-Prozent-Rampe bei 15 km/h verlangt je nach Systemgewicht deutlich unterschiedliche Leistung:

SystemgewichtLeistungsbedarf bei 8 % und 15 km/hDifferenz
85 kg329 WAusgangswert
100 kg382 W+53 W
115 kg436 W+107 W
130 kg490 W+161 W
Systemgewicht heißt Fahrer plus Rad plus Gepäck. Jedes Kilogramm kostet an dieser Rampe rund 3,6 Watt.

Praktisch heißt das: Volle Fahrradtaschen und ein Kindersitz verschieben den Anspruch an einer Steigung spürbar. Wer regelmäßig mit Last am Berg unterwegs ist, profitiert von einem Antrieb mit hohem Drehmoment mehr als von einem besonders leichten Rad. Und wer langsamer fährt, senkt den Leistungsbedarf sofort: Bei 8 % Steigung verlangen 10 km/h nur 246 Watt statt der 382 Watt bei 15 km/h.

Fazit: langsamer fahren, früher schalten

Der Berg verlangt Leistung, die mit Steigung, Gewicht und Tempo wächst, und die 250 Watt Nenndauerleistung decken davon ab etwa 6 % nur noch einen Teil. Die wirksamsten Hebel liegen deshalb bei Dir: früh in einen leichten Gang schalten, eine Trittfrequenz um 70 bis 80 halten, das Tempo an der Rampe bewusst zurücknehmen und die mittlere Unterstützungsstufe wählen. Damit bleibt der Antrieb kühl, der Akku hält länger, und die Steigung fühlt sich nach der halben Arbeit an.

Häufige Fragen

Das hängt vor allem von Steigung, Gewicht und Tempo ab. Für ein Systemgewicht von 100 Kilogramm bei konstant 15 km/h ergibt die Fahrwiderstandsrechnung rund 139 Watt bei 2 Prozent Steigung, 383 Watt bei 8 Prozent und 662 Watt bei 15 Prozent. Der Anteil für den reinen Höhengewinn wächst dabei von 82 auf 606 Watt, während Roll- und Luftwiderstand zusammen bei etwa 57 Watt bleiben.

Rechnerisch ab etwa 6 Prozent. Pedelec-Motoren haben 250 Watt Nenndauerleistung, und bei 6 Prozent Steigung und 15 km/h liegt der Bedarf schon bei 302 Watt. In der Praxis verschiebt sich die Grenze etwas nach oben, weil Motoren kurzzeitig über ihrer Nenndauerleistung arbeiten. Wer langsamer fährt, senkt den Bedarf sofort: Bei 8 Prozent verlangen 10 km/h nur 246 statt 383 Watt.

Ein leichter Gang, in dem Du eine Trittfrequenz von etwa 70 bis 80 Umdrehungen pro Minute halten kannst. Wichtig ist der Zeitpunkt: Schalte, solange die Steigung noch flach ist, denn unter voller Last wechselt eine Kettenschaltung schwer und verschleißt schneller. Nabenschaltungen lassen sich auch im Stand schalten, was nach einem ungeplanten Halt am Hang hilft.

Meistens wegen der Temperatur. Shimano beschreibt dafür die Warnung W010 mit der Bedingung, dass die Temperatur der Antriebseinheit höher als beim normalen Betrieb liegt, und der Folge, dass die Tretunterstützung geringer als normal ausfällt. Auch der Akku drosselt außerhalb seines Temperaturbereichs. Eine mittlere Unterstützungsstufe statt der höchsten hält die Dauerlast niedriger.

Es bestimmt, wie kräftig der Motor an der Kurbel zusätzlich zieht, und das entscheidet über das Gefühl am steilen Stück. Typische Werte liegen bei 40 Nm für Nabenmotoren wie den MAHLE X35, 70 Nm beim Yamaha PW-ST und 85 Nm bei Shimano EP8 und Bosch Performance Line CX. Die Nennleistung von 250 Watt ist bei allen Pedelecs gleich und taugt deshalb nicht zum Unterscheiden.

Weil sie auf die Kurbel wirken und ihre Kraft dadurch durch die Schaltung läuft. Schaltest Du in einen leichteren Gang, verstärkt die Übersetzung auch die Motorkraft am Hinterrad. Ein Nabenmotor sitzt hinter der Schaltung und bekommt davon nichts mit, deshalb wirken 40 Nm dort am steilen Berg schwächer, als die Zahl vermuten lässt.

Deutlich, weil der Motor dauerhaft mehr Leistung abgibt. Wer auf der Ebene 130 Watt abruft und am Berg 250 Watt, verbraucht in derselben Zeit fast das Doppelte. Bei einem 500-Wh-Akku sind das rechnerisch rund 3,8 Stunden auf der Ebene gegenüber 2 Stunden am Dauerhang. In Kilometern wirkt der Effekt noch stärker, weil Du am Berg zusätzlich langsamer fährst.

Halte die Bremse, während Du das Startpedal auf etwa zwei Uhr stellst, wähle eine niedrige Unterstützungsstufe, tritt an und löse erst dann die Bremse. Der Motor braucht das Signal vom Drehmomentsensor, deshalb rollst Du sonst kurz rückwärts. In der höchsten Stufe am Steilhang anzufahren kostet Kontrolle, weil das Rad beim ersten Tritt vorschießt.

Bis maximal 6 km/h. Sie ist genau dafür gedacht, ein Rad mit über 20 Kilogramm am Berg oder in der Tiefgarage zu bewegen, und arbeitet unabhängig davon, ob Du in die Pedale trittst. Aktiviert wird sie je nach System über eine eigene Taste an der Bedieneinheit.

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