Manche E-Bikes erkennt man erst auf den zweiten Blick als solche. Dahinter steckt oft der MAHLE X35, früher unter dem Namen ebikemotion bekannt. Ein Nabenmotor im Hinterrad, ein kleiner Akku im Unterrohr und eine einzige Taste im Oberrohr ergeben zusammen ein System, das kaum auffällt. Dieser Beitrag ordnet den Antrieb datenbasiert ein: was 40 Nm im Alltag bedeuten, wie weit 250 Wh wirklich reichen und wann sich der Blick auf den Nachfolger X20 lohnt.
Das Wichtigste in Kürze
- Eckdaten: Hinterrad-Nabenmotor mit 40 Nm Drehmoment, 250 W Nennleistung und 36 V; Motorgewicht rund 2 kg.
- Systemgewicht: etwa 3,5 kg inklusive Akku und Elektronik; ein Mittelmotor mit großem Akku kommt auf 6 bis 8 kg.
- Akku: 250 Wh fest im Unterrohr, nicht entnehmbar; optionaler Range Extender mit 208 Wh im Flaschenhalter.
- Bedienung: eine beleuchtete Taste im Oberrohr (iWoc One) mit Farbcodes, dazu die App My SmartBike über Bluetooth und ANT+.
- Einordnung: ausgelegt auf leichte Räder und unauffällige Optik, am steilen Berg und mit Gepäck stößt er an Grenzen. Nachfolger ist der X20.
Technische Daten des MAHLE X35
- Bauart: Hinterrad-Nabenmotor, Sensorik im Motor integriert
- Maximales Drehmoment: 40 Nm
- Nennleistung: 250 Watt bei 36 Volt
- Motorgewicht: rund 2,0 kg
- Systemgewicht: etwa 3,5 kg mit Akku und Elektronik
- Akku: 250 Wh, fest im Unterrohr verbaut
- Range Extender: 208 Wh, rund 1,45 kg, im Flaschenhalter
- Bedienung: iWoc One im Oberrohr, optional iWoc Trio am Lenker oder das Pulsar-ONE-Display
- Konnektivität: Bluetooth und ANT+, App My SmartBike für iOS und Android
Das Konzept: Gewicht sparen statt Kraft maximieren
Der X35 verfolgt einen anderen Ansatz als ein Bosch- oder Shimano-Mittelmotor. Im Mittelpunkt steht das Systemgewicht: rund 2 kg für den Motor, zusammen mit Akku und Elektronik etwa 3,5 kg. Ein Mittelmotor mit 600er-Akku kommt auf 6 bis 8 kg.
Diese Differenz entscheidet über den Charakter des Rades. Ein E-Rennrad mit X35 wiegt zwischen 11 und 13 kg und fährt sich auch mit leerem Akku wie ein normales Rennrad. Ein E-MTB mit Mittelmotor wiegt 22 bis 25 kg und wird ohne Strom mühsam. Der X35 richtet sich damit an alle, die Rückenwind statt Motorkraft suchen, etwa um im Gegenwind oder am Hügel in der Gruppe mitzuhalten.
Dazu kommt die Optik. Der Motor sitzt in der Hinterradnabe und sieht aus wie eine etwas dicke Nabe, der Akku verschwindet im Unterrohr. Am Lenker bleibt alles frei. Wer ein E-Bike möchte, das nicht sofort als solches erkennbar ist, findet hier die konsequenteste Lösung.
40 Nm: was die Zahl im Alltag bedeutet
Mit 40 Nm liegt der X35 bei knapp der Hälfte eines starken Mittelmotors. Hinzu kommt eine bauartbedingte Eigenheit, die in Datenblättern selten steht: Als Nabenmotor sitzt er im Hinterrad und nutzt die Gangschaltung nicht mit.
Ein Mittelmotor am Tretlager profitiert von jedem kleinen Gang, den Du einlegst, weil seine Kraft dieselbe Übersetzung durchläuft wie Deine Beinkraft. Der Nabenmotor muss die Steigung dagegen immer mit derselben Übersetzung nehmen. Am Berg fehlt ihm damit genau der Hebel, der einen Mittelmotor stark macht.
Praktisch heißt das: Auf ebener Strecke und bei Steigungen bis etwa 6 Prozent unterstützt der X35 angenehm und unauffällig. An längeren Rampen ab 10 Prozent arbeitest Du deutlich mit, besonders mit Gepäck. Für ein leichtes Rennrad ist das stimmig, für ein bepacktes Trekkingrad im Mittelgebirge wäre ein Mittelmotor die passendere Wahl.
250 Wh und die Frage nach der Reichweite
Beim Akku wird die Zurückhaltung des Konzepts am deutlichsten. 250 Wh sind weniger als die Hälfte dessen, was an einem durchschnittlichen Trekking-E-Bike steckt. MAHLE nennt eine Reichweite von bis zu 185 km, im Handel finden sich zum selben System häufig Angaben um 100 km. Solche Spannen entstehen durch unterschiedliche Annahmen zu Fahrer, Strecke und Unterstützungsstufe.
Rechne selbst nach, dann wird es greifbar. Ein leichtes Rad mit sparsamer Unterstützung verbraucht 4 bis 7 Wh pro Kilometer. Aus 250 Wh werden damit 36 bis 62 km. Auf der höchsten Stufe mit Gegenwind steigt der Verbrauch auf 9 bis 12 Wh/km, dann bleiben 20 bis 28 km. Deinen eigenen Wert rechnet der Reichweiten-Rechner aus.
Der Range Extender und der fest verbaute Hauptakku
Für längere Touren bietet MAHLE einen Range Extender mit 208 Wh, der in den Flaschenhalter kommt und rund 1,45 kg wiegt. Er erweitert die Kapazität auf 458 Wh und lässt sich abnehmen, wenn Du ihn nicht brauchst. Damit rücken Tagestouren in Reichweite, die mit dem Hauptakku allein knapp würden.
Wichtig ist der zweite Punkt: Der Hauptakku sitzt fest im Unterrohr und lässt sich nicht entnehmen. Zum Laden muss also das ganze Rad an die Steckdose. Wer in einer Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug lebt oder den Akku im Winter warm lagern möchte, sollte diesen Punkt vor dem Kauf bedenken. Worauf es bei der Akkupflege ankommt, steht im Ratgeber zum richtigen Lagern des E-Bike-Akkus.
iWoc One: eine Taste für alles
Bedient wird der X35 über die iWoc-One-Taste im Oberrohr. Sie schaltet das System ein, wechselt die Unterstützungsstufe und zeigt beides über einen farbigen Leuchtring an. Die Farben folgen einer festen Logik:
| Farbe | Bedeutung |
|---|---|
| Weiß | System eingeschaltet, keine Unterstützung |
| Grün | niedrige Unterstützungsstufe |
| Orange | mittlere Unterstützungsstufe |
| Rot | höchste Unterstützungsstufe |
Der Vorteil ist die Optik, denn am Lenker bleibt alles frei. Der Nachteil ist die Informationsdichte: Farben statt Zahlen bedeuten, dass Du den Akkustand nur grob ablesen kannst. Wer es genauer braucht, ergänzt die iWoc-Trio-Fernbedienung am Lenker, das Pulsar-ONE-Display oder koppelt einen Radcomputer per ANT+. Die My-SmartBike-App zeigt ohnehin alle Werte am Smartphone und erlaubt es, die Unterstützungsstufen anzupassen.
Typische Probleme und was dahintersteckt
In Nutzerforen taucht ein Thema beim X35 immer wieder auf: der PAS-Sensor, der die Tretbewegung erfasst. Setzt die Unterstützung sporadisch aus, liegt die Ursache häufig hier. Auffällig ist der Zusammenhang mit dem Wetter, denn Nässe, Schmutz und Frost tauchen in den Berichten regelmäßig als Auslöser auf.
Technisch hängt das mit dem Magnetring am Tretlager zusammen, der mit der Zeit verschmutzt. Eine gründliche Reinigung dieses Bereichs ist deshalb der erste sinnvolle Schritt, bevor Du an größere Reparaturen denkst. Bleibt das Problem bestehen, tauscht der Fachhandel den Sensor.
Zwei Punkte machen die Fehlersuche beim X35 aufwendiger als bei Bosch oder Shimano. Erstens gibt es keine ausführliche Fehlerauslese: Was das System meldet, siehst Du in der App, einen Diagnosemodus mit Klartext-Codes wie bei Bosch-Systemen gibt es nicht. Zweitens kannst Du Firmware-Updates nicht selbst einspielen. MAHLE leitet Kunden dafür an den Händler oder den Radhersteller weiter, was bei einem älteren Rad zur Geduldsprobe werden kann.
Vor einem Gebrauchtkauf lohnt es sich deshalb, das Rad bei feuchtem Wetter zu fahren und zu prüfen, ob die Unterstützung durchgehend anliegt. Frage außerdem nach, ob die Firmware auf dem aktuellen Stand ist und ob der Sensor schon einmal getauscht wurde.
X35 oder X20: welcher Antrieb im Rad steckt
Seit einigen Jahren führt MAHLE den X20 als Nachfolger. Er ist leichter, stärker und arbeitet mit einem echten Drehmomentsensor, während der X35 die Unterstützung über die Sensorik im Nabenmotor regelt. Der X35 bleibt trotzdem relevant, weil er in sehr vielen Rädern der Baujahre 2019 bis 2023 verbaut ist und weiter angeboten wird.
Für Gebrauchtkäufer ist die Unterscheidung wichtig, denn beide Systeme sehen von außen ähnlich aus. Sichere Merkmale sind die Bezeichnung im Datenblatt des Radherstellers und die App-Anbindung. Achte außerdem darauf, dass sich Akkus und Range Extender zwischen den Generationen nicht austauschen lassen. Eine ausführliche Gegenüberstellung beider Antriebe steht in unserem Beitrag zum X20.
Für wen sich ein Rad mit X35 lohnt
Drei Profile passen gut. Erstens sportliche Fahrer, die ein E-Rennrad oder Gravelbike suchen, das sich unmotorisiert anfühlt und im Zweifel auch ohne Strom Spaß macht. Zweitens Pendler in flachem bis welligem Gelände mit leichtem Gepäck, denen ein unauffälliges Rad wichtig ist. Drittens alle, die ein zweites Rad für kürzere Strecken wollen und kein schweres Gerät im Keller stehen haben möchten.
Weniger passend ist der X35 für hügeliges Gelände mit Gepäck, für lange Tagestouren ohne Lademöglichkeit und für alle, die kräftige Unterstützung erwarten. In diesen Fällen führt der Weg zu einem Mittelmotor mit größerem Akku.
Fazit: leicht und unauffällig, mit klaren Grenzen
Der X35 ist die richtige Wahl, wenn das Rad zuerst ein Fahrrad bleiben soll und der Motor nur assistiert. 3,5 kg Systemgewicht und die vollständige Integration ergeben Räder, die sich fahren wie unmotorisierte. Für flaches bis welliges Gelände geht das Konzept auf.
Gegen ihn sprechen Steigungen und Gepäck. 40 Nm ohne Nutzung der Gangschaltung sind an langen Rampen wenig, und 250 Wh zwingen zur Planung oder zum Range Extender. Wer regelmäßig im Mittelgebirge unterwegs ist, ist mit einem Mittelmotor deutlich besser bedient. Beim Neukauf lohnt zudem der Blick auf den Nachfolger MAHLE X20, der die Schwächen des X35 an mehreren Stellen angeht.